Torsten Kubbe Naturführungen + Themenwanderungen
Torsten Kubbe                              Naturführungen + Themenwanderungen

Zur Tigerbeobachtung

in Nordindien

Ranthambore Nationalpark

26. April 2019 - Ranthambhore-Nationalpark in Rajasthan, Nordindien.

Es ist noch in den Morgenstunden; aber dem  Wetter ist anzumerken, dass die Temperaturen noch auf ca. 35° im Schatten ansteigen werden. Unsere Rundreise durch Rajasthan wird sich in wenigen Tagen schon leider dem Ende zuneigen, aber heute kommt (hoffentlich) der Höhepunkt und der maßgebliche Motivationsfaktor für unsere Indienreise: die mögliche Sichtung eines Tigers in freier Natur!
Dafür haben wir während der Reise nur zwei Versuche. Am heutigen Tag eine Safari am Morgen und eine am Nachmittag. Unser Ziel bietet für eine Sichtung gute Möglichkeiten. Der Ranthambore-Park ist rund 282 Km² groß und Teil eines indischen Projekts, in dem seit bereits 1973 die Tiger geschützt werden sollen (was freilich leider häufig nicht gut geklappt hat). Immerhin, zum heutigen Tag sollen hier 66 Tiere der Gattung Bengaltiger, verteilt auf zehn Zonen, leben. Von diesen „Königstigern“ gibt es wohl mittlerweile keine 2.500 Individuen mehr.
Der Park an sich ist schon durch die verstreuten Tempel-Ruinen der Ranthambore-Festung aus dem 10 Jh. eine Attraktivität und gibt sich eine geheimnisvolle Atmosphäre. Durch die Wahl unseres späten Reisetermins in der Hitze vor dem Beginn der Regenzeit erhoffen wir uns stark dezimierte Wasserlöcher im Park und dadurch steigende Chancen, dort Tiere und hoffentlich den Tiger zu beobachten.

Zunächst genießen wir den Umstand, dass unsere Reisegruppe alleinig in einem eigenen Jeep untergebracht ist: elf Reisegäste, unser Reiseführer, der Fahrer und ein Parkranger. Auf die von der Parkverwaltung zugeteilte Besuchszone, die wir mit dem Jeep nicht verlassen dürfen, hat man keinen Einfluss. Am Morgen bekommen wir Zone drei zugeteilt – das ist gut, denn die Fahrtzeit dorthin ab dem Parkeingang ist nicht lang, und mehr als zweieinhalb Stunden stehen uns für die gesamte Safari auch nicht zur Verfügung. Vor dem Parkeingang wird es angesichts der zahlreichen Indischen Languren schon einmal nicht langweilig.

Die Fahrt geht los und wir rumpeln über die Piste. Ich könnte eigentlich überall anhalten und die Tierwelt abwarten, zumal sich fast ununterbrochen Vögel zeigen, die den Naturfreund und Fotografen erfreuen. Ausgetrocknete Bäume und Sträucher bestimmen das Landschaftsbild. Und erst einmal tut sich auch nichts Besonderes. An den vom Jeep aus sichtbaren Wasserstellen scheinen sich keine größeren Tiere aufzuhalten. Im Wald aber sind immer wieder die hier vorkommenden Gazellen zu sichten, die auch über die Pisten streifen und sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Zu unserer Verwunderung haben offensichtlich weder der Ranger noch der Fahrer ein Funkgerät bei sich. Nach meiner Vorstellung würde es bei einer etwaigen Tigersichtung eine Funkmeldung von einem Wagen an die anderen in der jeweiligen Zone geben, damit die Sichtungschance für alle erhöht werden.

Dieses passiert wohl stattdessen auf Zuruf, wenn sich verschiedene Fahrzeuge begegnen – was häufiger der Fall ist. Wie auch jetzt: schon prescht unser Fahrer voran, nachdem es von einem anderen einen Hinweis gab. Bei der nun schnelleren Fahrt wird klar, dass die Natur-Buckelpiste nichts für eine schwache Rückenmuskulatur ist! Am Ort des vermeintlichen Aufenthaltsortes des „Kätzchens“ angekommen, sind noch andere Jeeps vor Ort. Wir alle starren angestrengt ins Unterholz und lauschen: nichts… also fast, wäre da nicht das pausenlose Gebrabbel aus dem Nachbarjeep. Sehr schnell wird mir klar, dass, wäre ich ein wildlebendes Tier, ich so gar keinen Grund hätte, mich ausgerechnet hier zu zeigen. Wie merkwürdig, dass es vielen Leuten überhaupt nicht in den Sinn zu kommen scheint, dass man für eine erfolgreiche Tiersichtung auch mal eine Weile die Klappe halten sollte und sich so unauffällig wie möglich verhält. Logischerweise zeigt sich an dieser Stelle kein Tier, geschweige denn ein Tiger, und in Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit schwant mir, dass die heutigen zwei Safaris in Sachen Tiger zu einer Enttäuschung führen könnten.

Wir fahren weiter, und im folgenden Verlauf werden wir mit anderen Tiersichtungen ein wenig entschädigt: Halsbandsittiche, Schlangenhalsvogel, immer wieder ein prachtvoller Pfau sowie Gazellen und Antilopen, die bereits genannten Languren und sogar ein Sumpfkrokodil sind zu entdecken.

 

Von einem Tiger aber nach wie vor keine Spur. Zunächst jedoch stoßen wir auf einen Trupp der im Land häufig vorkommenden Wanderbaumeister. Wie viele Exemplare aus der Familie der Rabenvögel scheinen auch diese Burschen recht intelligent und furchtlos zu sein, denn unser Ranger weiß, dass diese Kandidaten den Touristen gerne aus der Hand fressen, was sogleich erfolgreich ausprobiert wird. An anderer Stelle überrascht dieser Vogel sogar als „Putzservice“, indem er einer geduldigen Antilope offensichtlich Parasiten aus dem Ohr pickt.

"Hallo, jemand zu Hause?"

Die Fahrt geht in einen anderen Abschnitt dieser Zone,

und das Bild wandelt sich in eine vernässte und  Feucht- /Sumpfgebiete einschließende Landschaft. In der Nähe eines Ufers halten wir und warten ab. Wie auch in unseren Gefilden stellt sich hier eine Vogelwelt ein, die sich am Wasser wohl fühlt. Z. B. Exemplare, die mir wie Rotschenkel, Bekassinen und Flussregenpfeifer vorkommen. An Land hingegen trollt ein hiesiges, eher zierliches Kammwildschwein vorbei, das aber angesichts unserer Gruppe plötzlich mächtig Hackengas gibt. Ein köstlicher Anblick, mit welch ungeahntem „Schweinetempo“ der Kleine auf einmal unterwegs ist.

An der Wasserstelle kommt es dann sogar noch zu einer glücklichen Begegnung: ein heimischer Eisvogel, genauer, ein Braunliest, lässt sich in fotografiertauglicher Nähe auf einem Zweig nieder. Zwar konnte ich ein solches Exemplar schon einige Tage zuvor knipsen; aber in dieser Umgebung begeistert es mich noch mehr – gerade auch deshalb, weil ich in Deutschland bisher den Eisvogel immer nur als „kurzen, grünen Blitz“ in der Luft wahrnehmen konnte. Hier ist es mir vergönnt, schöne Bilder von diesem Kandidaten machen zu können – obwohl unverkennbar ein Eisvogel, ist er deutlich größer als unsere deutschen Vertreter und glänzt mit einem hohen Braunanteil im Gefieder. Unser Ranger möchte weiter, doch ich kann mit einem entschlossenen „No!“ erreichen, dass wir noch einen Augenblick an dieser schönen Stelle verweilen – zumal ich im Gefühl habe, dass dieses hier (heute) der Höhepunkt sein wird. Und danach geht es auch zurück zum Parkausgang, ohne Tiger, ohne weiteres Highlight.

King Fisher - Braunliest

In der Mittagszeit besuchen wir ein soziales Projekt,

das von unserm Reiseveranstalter unterstützt wird, ein Heim für Kinder und Jugendliche mit Behinderung. Am Nachmittag steigt dann noch einmal die Spannung, als wir mit dem Jeep und dem gleichen Ranger wie bei der morgendlichen Tour wieder in den Park hineinfahren. Dieses Mal haben wir Zone eins zugeteilt bekommen, was sich vom Anfahrtsweg wiederum angenehm gestaltet. Die Erwartung, hier in den nächsten drei Stunden einen Tiger sehen zu können, habe ich eigentlich begraben; vielleicht auch insgeheim in der Hoffnung, dass sich mein Pessimismus eben doch nicht bewahrheiten wird. Manche Touristen sitzen nur zu zweit in einem Jeep. Wir erfahren, dass so eine Privattour, auf der man den ganzen Tag durch verschiedene Zonen fahren darf, mindestens 1.200 Euro kostet. Aber auch dann gibt es keine Sichtungsgarantie für einen Tiger. So ist das nun einmal bei wildlebenden Tierbeobachtungen – sonst könnte man ja auch gleich in den Zoo gehen.

Schlangenhalsvogel

Schließlich, nach gar nicht so langer Fahrt, kommt von einem anderen Jeep der Hinweis auf eine mögliche Sichtungsstelle!  Wird es wieder so wie am Morgen sein? Wir fahren zum besagten Sichtungspunkt, wo schon zwei weitere Jeeps auf der Lauer liegen, platzieren uns dazwischen und fahren langsam entlang des Waldsaumes. Und tatsächlich: uns wird mitgeteilt, dass irgendwo im Unterholz und weit weg ein Tiger herumliegen soll. In der Gluthitze starren dreizehn Augenpaare angestrengt durch Ferngläser und Kameras ins Unterholz. Nichts zu sehen außer sich vermischenden Konturen im Pflanzendickicht. Und dann immer diese Beschreibungen, wo das Tier liegen soll… „unter dem Ast sowieso rechts von dem Stein xy neben den dunklen Baumstämmen“… nun ja. Irgendwann ein begeisterter Ausruf: „Ich sehe ihn!“ Und weitere Präzisionsangaben zum genauen Punkt.

Auch ich habe leider nicht das Falkenauge beim Fixieren durch mein Teleobjektiv – aber schließlich doch ein wenig Glück, denn der Tiger „flattert“ mit seinem Ohr, was an diesem Fixpunkt die einzige Bewegung ist. Ich merke, wie die Aufregung in mir emporsteigt. Das Tigerohr, nun einmal ins Visier genommen, ist ein kleines, schwarzes Dreieck, das sich nach links und rechts dreht. Unter dem Ohr eine gelb-schwarz gestreifte Masse, die im Schatten unter den Zweigen und in einer leichten Mulde hinter Steinen liegt. Jetzt bloß nicht den Punkt verlieren und den Ausschnitt gut einprägen! Was natürlich doch passiert, denn die ganze Zeit den Apparat ohne Stativ zu halten und in die starke Vergrößerung zu starren, ist auch ohne diese Hitze anstrengend. Also auf`s Neue den Tiger suchen, was aber mit der Zeit immer schneller gelingt. Die Katze bleibt liegen, ruht sich aus und weiß wahrscheinlich, dass mindestens dreißig Touris aus der Ferne gaffen.

Anfangs ist nur ein Ohr zu entdecken...

So vergeht die Zeit, es passiert eigentlich nichts, und ich finde es richtig gut, dass wir die Zeit bekommen, in Ruhe beobachten zu können. Es ist sogar relativ ruhig in den Jeeps – geht doch! Wir wechseln noch einmal die Position mit den anderen Fahrzeugen, kommen aber wieder an die gleiche Stelle zurück, die ein guter Beobachtungspunkt ist. Ab und an hebt der Tiger den Kopf, muss sich mal von einem Vogel ärgern lassen und legt sich wieder hin. Ich schieße bei jeder Bewegung meine Fotoserien und gewinne einmal mehr einen riesigen Respekt vor den Profis, die mit einer unfassbaren Geduld und Ausdauer Tiere ablichten.

Was für ein Anblick!

Nun hebt unser Tiger den Kopf, gähnt ausgiebig und beginnt, seine Pfoten zu lecken. Unser erfahrener Ranger weiß, dieses wäre ein Zeichen, dass die Katze bald aufstehen wird! Aber sie legt sich wieder hin… und dann geht es doch noch los: sie steht auf, nun können wir fast die ganze Statur sehen – ein Raunen geht durch die Gruppen, die Aufregung steigt. Der Tiger schreitet voran, streckt sich… bloß nicht wieder hinlegen! Nun guckt er direkt in unsere Richtung und ich habe ihn Angesicht zu Angesicht im Sucher, Gänsehaut!

Der Ranger klärt uns auf: der Tiger ist eine Lady, trägt den schönen Namen Sultana und ist zu diesem Zeitpunkt 33 Monate alt. Sie trottet gemächlich durchs Unterholz um leider bald unserem Blick zu entschwinden. Dort ist wohl ein Wasserlauf und Sultana hat nun Durst. Es vergeht eine Weile, wir wechseln die Position und können unser Glück über diese unverhoffte Sichtung noch gar nicht fassen. Ich befürchte schon, dass unsere Zeit für die Safari um ist und wir zum Ausgang zurück müssen, aber das ist zum Glück nicht der Fall.

Unser Erlebnis wird noch gesteigert, denn Sultana kehrt vom Trinken in die andere Richtung zurück, kommt näher, so dass wir sie noch besser beobachten und dieses majestätische Tier nun in seiner kompletten Größe bewundern können. Im Schätzen bin ich nicht sonderlich gut und frage mich, welches Gewicht Sultana wohl auf die Waage bringen mag. Mir kommt sie fast ein wenig zierlich vor, aber mich ihr in den Weg stellen würde ich auf keinen Fall. Beeindruckend die Muskelpakete und die Anmut, mit der sie durch den Wald streift.

Als hätten wir nicht schon genügend Glück, bewegt sie sich nun seelenruhig direkt auf unsere Jeeps zu, warum nur? Wird hier irgendwie „getrickst“? Ist auch egal, nur dieser Moment zählt; Sultana steht nur wenige Meter neben unserem Fahrzeug und blickt uns direkt in die Augen. Jubel bricht aus, gegenseitiges Abklatschen, und vereinzelt kullern Tränen in Anbetracht dieses unvergleichlichen Moments. Die Katze läuft rechts an unserem Jeep vorbei zu den beiden anderen Autos. Bisher hatten wir die beste Beobachtungsposition.

Was nun folgt,

ist leider das große Ärgernis in dieser einmaligen Situation und führt mir einmal mehr die grenzenlose Dummheit der Gattung Mensch vor Augen und für einen Moment auch die Frage, ob solche Safaris überhaupt im Sinne des Tieres sein können. Denn die Fahrer versuchen nun, den Weg von Sultana zu berechnen und fahren ihr in voller Hektik hinterher. Warum nur bleiben die Fahrzeuge nicht einfach stehen? Bis zu diesem Moment und auch danach konnte wirklich jeder Gast das Tier ausgezeichnet beobachten und fotografieren. Die bescheuerte Verfolgungsjagd findet ihren Höhepunkt darin, dass von den anderen Jeeps der eine den anderen sogar außerhalb der Piste und fast im Unterholz überholen will. Sultana rücken sie dabei so dicht auf die Pelle, dass wir befürchten, sie könne angefahren werden.
Unser Ranger spürt wohl den Unmut in unserer Gruppe, und zum Glück beteiligt sich unser Wagen nicht an der Hatz. Ich bin wütend und kann es mir nicht verkneifen, laut zu rufen: „am besten, ihr überfahrt das Tier, dann haben alle was davon!“ Die anderen teilen meinen Zynismus.

 

Sultana interessiert das ganze Theater zum Glück nicht. Entweder hat sie Valium geschluckt oder sie hat diese Szenerie schon dutzende Male erlebt; denn weder aggressiv noch ängstlich trottet sie die Piste entlang und zeigt uns ihr Hinterteil, macht keine Anstalten, flüchten zu wollen. Jetzt kann man gut die interessante und ungewöhnliche Färbung ihres Fells sehen: Sultana ist vorne braun-gelb und hinten weiß! Zum Glück bleiben unsere Autos nun auch stehen, lassen die Katze weiterziehen. Bevor Sultana die Piste wieder verlässt um ins Unterholz zu laufen, blickt sie noch einmal zu uns zurück. Das ist rührend, vielleicht denkt sie aber auch nur… („ihr habt sie ja wohl nicht mehr alle?")

Baloo aus dem Dschungelbuch?

Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass Sultana ja wahrscheinlich – warum auch immer – freiwillig unsere Nähe gesucht hat. Solch eine Nahbegegnung soll aber schon außergewöhnlich sein, versichert uns der Ranger. Bald darauf fahren wir mit dem Sonnenuntergang zum Parkausgang zurück, und nun im Stau der Fahrzeugkolonne wird uns erst bewusst, wie viele Touristen zeitgleich im Park unterwegs waren. Zum Ende gibt es sogar noch einen weiteren Höhepunkt: in der Ferne lässt sich im Wald der seltene und scheue Lippenbär beobachten (das ist der Baloo aus dem Dschungelbuch).

Sensationell, was die Natur uns heute alles geboten hat! Für mich war es heute die „Krönung“ meiner bisherigen Hobby-Fotografie und das Sahnehäubchen sämtlicher Tierbeobachtungen, die ich schon machen konnte.
Abends im Hotel stoßen wir glücklich auf unsere Tigersichtung und unsere Ausbeute von Bildern an. Die Euphorie wirkt auch noch Stunden danach. Obwohl uns diese mit zahlreichen Höhepunkten (Taj Mahal, Udaipur, Jodhpur,...) bestückte Rundreise durch Rajasthan immer in guter Erinnerung bleiben wird, ist doch die Erfüllung unseres Wunsches einer Tigerbeobachtung in freier Wildbahn das Glanzstück davon.

Leb wohl, „kleine“ Sultana und danke, dass Du Dich uns gezeigt hast!    <

Ein letzter Blick...

Rausgehen und Bewegen, Entdecken und Erleben!

 

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© Torsten Kubbe